Sunday, June 18, 2017

Neues Wissen aus alten Steinen gewinnen - Stephanie Zihms ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns, Dr. Stephanie Zihms (@geomechSteph) bei Real Scientists DE begrüßen zu dürfen! Stephanie arbeitet als Postdoc im Bereich Geomechanik von Karbonatgesteinen am Institute for Petroleum Engineering an der Heriot-Watt University, aber ist bis Ende August an der UFPE in Recife, Brasilien. Ihre Forschung beschäftigt sich damit, wie sich Gesteinen im Untergrund unter verschiedenen Druckveränderungen verformen.

Hier eine Beschreibung ihrer Arbeit in ihren eigenen Worten:

"Ich versuche zu verstehen, warum Gesteine sich so verformen, wie wir es beobachten und was diese Verformungen kontrolliert – Kristall- oder Korngröße, Kornform, Form oder Größe der Poren? Oder ist es doch die Mineralogie, oder wie das Gestein abgelagert wurde? Mit Laborversuchen an verschiedenen Gesteinen unter unterschiedlichen Bedingungen versuche ich das herauszufinden. Meine Forschung und ihre Ergebnisse sind wichtig für verschiedene Untergrundprozesse, z.B. Erdöl – oder Erdgasgewinnung, Geothermie oder CO2-Speicherung. Jedesmal, wenn Flüssigkeiten oder Gase aus dem Erdboden entnommen oder zugeführt werden, ändern sich die Bedingungen im Untergrund. Gesteine reagieren auf diese Veränderung, und wenn ich verstehe, welche Gesteinseigenschaften diese Reaktionen kontrollieren, dann können wir dieses Verhalten besser vorhersagen. Ich bin gerade in Brasilien, um meine Laborergebnisse mit Gesteinen in Steinbrüchen und Aufschlüssen zu vergleichen - damit wir auch wissen, ob unsere Laborversuche Sinn machen."
Super spannend also, und wir freuen uns auf eine großartige Woche! Natürlich haben wir Stephanie auch unseren üblichen Fragebogen gegeben:

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich bin da so reingepurzelt…ich wusste ewig nicht, was ich studieren soll, wie meine LKs in Physik und Geschichte zeigen. Meine Mama hatte dann Geowissenschaften in Hannover vorgeschlagen – viel draußen sein, etwas Reisen, von allen Naturwissenschaften etwas dabei, und vor allem kein NC – das klang super. Nach 3 Jahren Grundstudium bin ich dann nach Schottland – ursprünglich für 1 Jahr…aber Pläne ändern sich und ich bin da geblieben und habe dann 2007 meinen BSc in Earth Science von der University of Glasgow bekommen. Die Zeremonie in Glasgow war fast wie bei Harry Potter.

Ich habe dann ersteinmal als Geologin bei einer Geotechnikfirma in Schottland gearbeitet – war eine super Gelegenheit, Schottland noch besser kennenzulernen. Aber nach 2 Jahren kam die Lust auf mehr, und mit diesem Wunsch dann auch die finanzielle Krise in 2009 und meine Entlassung. Kurz bevor ich entlassen wurde, hatte ich eine Doktorandenstelle gesehen, die super spannend klang und nach einem Informationsgespräch habe ich mich auf die Stelle beworben. Bis ich die Zusage hatte, habe ich etwas gejobbt und z.B. Computerspiele getestet. Ich hab dann im September 2009 die ersehnte Zusage bekommen und im Oktober angefangen. Ich habe 3 Jahre und 10 Monate gebraucht und im August 2013 meine Doktorarbeit eingereicht. Und ich bin dann wieder aus der Akademie raus – aber nicht aus der Forschung  und habe beim British Geological Survey als Experimentelle Geowissenschaftlerin angefangen – eine unbefristete Stelle im Öffentlichen Dienst – Jackpot. Naja…es ist nicht immer alles Gold was glänzt und mir haben die Einschränkungen nicht so gefallen und ich konnte auch meine eigenen Ideen nicht richtig verfolgen. Also habe ich nach 15 Monaten meine Kündigung eingereicht und bin dann im Dezember 2014 von England wieder nach Schottland gezogen. Ich wollte wieder zurück an die Uni – hatte aber keine guten Stellen gesehen, und so sagte ich ja zu einer 4-monatigen Postdoc-Stelle an der Heriot-Watt University. Ich habe ein Experiment entworfen, um CO2 Blasen unter verschiedenen Strömungsbedingungen zu messen. Und während dieser Zeit habe ich dann auch das Angebot für meine jetzige Stelle entdeckt, mich beworben und auch bekommen. Ich habe im Mai 2015 im Insitute for Petroleum Engineering angefangen und habe jetzt noch 10 Monate, bis mein Vertrag endet. Ich habe mich auf ein paar verschiedene Stellen beworben – in Schottland und Deutschland. Mal schauen, was die Zukunft bringt…

In meinem Forschungsgebiet bin ich erst seit 2015 – aber was für ein Gebiet. Mit immer neuen Technologien lernen wir so viel mehr über Gesteine und wie sie sich verformen. Am besten finde ich es, wenn ich etwas entdecke, bei dem ich weiss, dass ich die erste Person bin, die es sieht. Die Gesteine, mit denen ich gerade arbeite, kommen aus Brasilien und sind berühmt für ihre Fischfossilien aus der Kreidezeit. Aber seit der letzten Edöl-Entdeckung in Brasilien werden sie als Vergleichsmaterial erforscht. Als wir unsere Proben mit Röntgenstrahlen untersucht haben, um die Bruchzonen zu analysieren, haben wir auch Spurfossilien entdeckt, die so noch nie in 3D abgebildet worden waren – diese Bilder mit den brasilianischen Paläontologen zu teilen, war super. Wir sinde gerade dabei, neue Techniken und ihre Nutzbarkeit in der Geomechanik zu testen. Es macht super viel Spass, quasi alt mit neu zu kombinieren und zu schauen, wie wir noch mehr Informationen aus den Gesteinen herausbekommen können. Und ich muss sagen, das viele Reisen macht auch super viel Spass – ich hätte nie gedacht, dass ich mal 3 Monate in Brasilien wohnen und arbeiten werde. 

Meine Arbeit ist eine Mischung aus
1.   Laborarbeit: ich bereite die Gesteinsproben vor, vermesse und fotografiere sie, danach werden ein paar Standardtest gemacht, um Porosität und Durchlässigkeit zu messen – das ist wichtig, um dies mit den Ergebnissen nach der Deformierung zu vergleichen. Die triaxiale Verformung mache ich mit einem Kollegen zusammen – das ist etwas langweilig, da alles in einer Edelstahlzelle passiert und wir nur die Daten sehen können. Nach diesem Test werden dann die Charakterisierungstests wiederholt. Ausgesuchte Proben gehen dann zu einem Kollegen an der Lund Universität in Schweden für die Röntgenaufnahmen.
2.  Datenanalyse: Ich vergleiche die Daten vor und nach dem Test und versuche, die Röntgenbilder zu rekonstruieren, um das Innere des Gesteins in 3D sehen zu können. Wenn möglich, haben wir auch eine Aufnahme, bevor das Gestein veformt wurde, um auch diese zu vergleichen
3.  Geländearbeit: Leider nicht so viel wie ich gerne hätte, aber ich war schon in Frankreich, um Proben zu sammeln und bin jetzt zum zweiten Mal in Brasilien, um hier Daten im Gelände zu sammeln. Das geht hauptsächlich über Fotos, die ich dann am Computer analysiere und mit den Laborfotos vergleiche.
4.  Schreiben: wie jeder andere Wissenschaftler auch muss ich Berichte und Journalpapers schreiben – etwas untypisch für einen Postdoc habe ich mich auch schon für kleine Forschungsgelder beworben.
Ich mag die Abwechslung und dass ich bei den Laborexperimenten mitentscheiden darf, was gemacht wird. Außerdem lerne ich, wie alle Messgeräte funktionieren. Und ich habe ein paar Nebenprojekte – die haben aber alle irgendwie mit Geomechanik zu tun.

Wenn wir weiterhin auf Erdöl und Erdgas angewiesen sind, müssen wir wissen, wie wir sicher und am effizientesten an die letzten Reserven kommen – 60% der Reserven sind in Karbonatgesteinen eingeschlossen und die sind sehr kompliziert. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, um zu verstehen, wie sicher es ist, CO2 im Untergrund zu speichern und welche Gesteinsformationen sich dafür am besten eignen. Beide Aspekte (wenn auch gegensätzlich) sind wichtig und meine Forschung kann allen Seiten helfen.

Ich bin seit 2015 Projektleiterin für Native Scientist in Edinburgh für Deutsch – ich koordiniere Events mit Schülern der deutschen Samstagschule und deutsch-sprachigen Wissenschaftlern. Im Mai diesen Jahres hatten wir ein Event mit dem Goethe Institut in Glasgow und schottischen Schülern, die Deutsch lernen.
Seit November 2016 bin ich Mitglied bei Chronically Academic – ein Netzwerk von Akademikern mit Behinderung oder Chronischen Erkrangung. Da bin ich nach meiner MS Diagnose beigetreten – für die Unterstützung, aber auch, um das System zu ändern und anderen Wissenschaftlern in meiner Situation zu helfen und bei der Aufklärungsarbeit zu helfen.
Ich bin auch aktiv, was die Unterstützung von Wissenschaftlern am Anfang ihrer Karriere angeht und habe letzes Jahr ein Postdoc Forum an der Heriot-Watt University gegründet

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Nix spannendes – ich versuche gerade, Portugiesisch zu lernen (da sich das ja anbietet) und ich habe vor 3 Wochen wieder mit Laufen angefangen und trainiere gerade für einen 10km Lauf hier in Recife im August. Ansonsten fahre ich gerne Rad – ich habe ein Rennrad und ein Mountainbike.
Ich stamme aus einer Fußball-Verrückten Familie und alle 2 Jahre zur WM und EM kommt das dann richtig raus…ich habe sogar ein Trikot für meinen Computerstuhl. Meine Mama hat eine Dauerkarte für Bayer Leverkusen und da gehe ich dann machmal mit zu Spielen, wenn ich zu Besuch bin. Und mein Film gegen Heimweh ist Deutschland ein Sommermärchen – aber ich überspringe manchmal das Spiel gegen Italien…

Wie sieht dein idealer freier Tag aus?
Ausschlafen (was bei mir 7 oder 8 Uhr ist) – gemütlich frühstücken und dann mit meinem Freund wandern oder spazieren gehen – wir haben viele Parks in der Nähe. Oder, wenn das Wetter typisch schottisch ist, dann ist auch mal ein Tag auf dem Sofa mit Netflix ganz entspannend. Hier in Brasilien versuche ich am Wochenende, Städte in der Nähe zu besuchen.

Bitte begrüßt Stephanie ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 11, 2017

In den Köpfen von Hackern und Wissenschaftlern - Malte Elson ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit dem größten Vergnügen möchten wir euch unseren neuen Kurator Malte Elson (@maltoesermalte) vorstellen! Malte gehört zur seltenen Spezies der Medienpsychologen und hat in Köln zum Thema gewalthaltige Videospiele und Aggression promoviert. Nach einem Zwischenstopp in Münster zog es ihn an die Ruhr-Universität Bochum, wo er Verhaltenslernen mit Medien erforscht. Neben diesem Forschungsschwerpunkt rettet er (hoffentlich) die Wissenschaft und baut wundervoll nerdige Websites für seine diversen Projekte (Beweisstück 1).


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Durch Stolpern - Ins Studium, in meine erste Stelle als SHK, in meine Promotion. Die große Gesichtsbremse kommt also wahrscheinlich bald.

Eigentllich habe ich nicht ein aktuelles Feld, sondern zwei, die sich auch nur randständig überlappen: Zum einen interessiere ich mich für den "Human Factor" in der Sicherheit digitaler Technologien, insbesondere für das Reverse Engineering von anwendungsspezifischen integrierten Schaltungen (sog. ASICs). Diesen Satz verwende ich sehr gerne, weil darin relativ viele abgefahrene Wörter auftauchen, die alle nicht nach Psychologie klingen. Vereinfacht gesagt erforsche ich Lern- und Problemlöseprozesse beim "Hacken" von Computerhardware bzw. Chips, z.B. solchen in Autoschlüsseln oder Kreditkarten - Wie geht man dabei vor? Was sind die einzelnen Lösungsschritte? Welche besonderen Herausforderungen gibt es? Welche Werkzeuge werden eingesetzt? Welches Vorwissen ist nötig? Ziel dieser Forschung ist es, das Design von Chips so zu verändern, dass Angreifer es "schwerer" haben, diese zu entschlüsseln.


Nicht speziell genug? Mein anderes Forschungsobjekt ist die (psychologische) Wissenschaft selbst. Dies ist ein relativ neuer Forschungsbereich (jedenfalls in der Psychologie), der sich Meta-Wissenschaft nennt. Das heißt: Mich interessiert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse generiert und distribuiert werden. Ziel ist es letztlich, die Qualität von Forschungsabläufen evidenzbasiert zu verbessern. Dabei geht es um verschiedene Perspektiven, z.B. Methodologie (Wie arbeiten Wissenschaftler? Welche Fehler machen sie, bspw. beim Berichten statistischer Kennwerte?), Kommunikation (Wie wird über Forschung berichtet?) und Evaluation (Wie effektiv ist das Gatekeeping-System der Wissenschaft, Peer Review, und wie kann man es verbessern?).

"Von Haus aus" bin ich eigentlich Experimentalpsychologe und es liegt mir auch nach wie vor am meisten, in einer Experimentallogik über psychologische Phänomene nachzudenken. Wenig macht mir in meiner Arbeit mehr Spaß, als ein rigoros durchgeführtes Experiment (sowohl eigene als auch die anderer Leute). In der Realität verwende ich aber, jedenfalls aktuell, doch auch oft andere Forschungsdesigns. Hardware-Ingenieure (Thema 1), die Chips zerlegen, arbeiten u.a. für Regierungen (z.B. NSA) oder stehen mit einem Bein im Gefängnis - die für ein Experiment ins Labor zu bekommen ist daher nicht ganz trivial. Hier bin ich aktuell eher in einer Phase der Phänomenbeschreibung, d.h. ich versuche zunächst durch Einzelfallbeobachtungen ein paar Ideen davon zu bekommen, wie Hacker vorgehen, da es dafür schlichtweg keine Handbücher o.ä. Mustervorlagen gibt. Im nächsten Schritt sollen diese Erkenntnisse dann auch hoffentlich für das Design sinnvoller Laborexperimente genutzt werden. Um nachzuvollziehen, wie Wissenschaftler (Thema 2) arbeiten, tue ich vor allem eins: Lesen, was Wissenschaftler so alles aufschreiben, z.B. im Rahmen einer systematischen Inhaltsanalyse wissenschaftlicher Publikationen. Grundsätzlich bin ich aber auch sehr daran interessiert, hier originiäre empirische Studien durchzuführen - leider sind Wissenschaftler (aus anderen Gründen wie Hacker) auch nicht ganz leicht für derartige Forschungsvorhaben zu gewinnen.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Von Software-Hacking hat vermutlich jeder schon mal gehört, und dass ein Passwort aus mehr als 5 Buchstaben bestehen sollte, um sicher zu sein, wissen auch sonst technisch unbedarfte Menschen. Aber dass digitale Technologien auch noch auf andere Weise angegriffen werden können, nämlich über die Hardware selbst, ist vermutlich weniger bekannt. Mit der Zunahme solcher Chips in Alltagsobjekten (z.B. dem Perso) und dem wachsenden "Internet der Dinge" wird das ein Problem sein, mit Leute zwangsläufig konfrontiert werden.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit dafür interessieren, wie Wissenschaftler arbeiten? Das tut sie oft bereits. Der öffentliche Diskurs über Themen hoher gesellschaftlicher Relevanz (z.B. Klimawandel, soziale Ungleichheit, Mediennutzung oder auch Klassiker wie die Sonntagsfrage) sind oft begleitet von Meta-Diskussionen über Qualität der Forschung in diesen Bereichen. Diese sind jedoch auch viel von (teilweise haarsträubenden) Spekulationen geprägt, bspw. zur Auswirkung persönlicher Überzeugungen der Wissenschaftler auf ihre Daten oder zur strategischen Einflussnahme von (tatsächlichen oder vermuteten) Geldgebern. Auch wenn ein gesunder Skeptizismus grundsätzlich zu begrüßen ist, sollte er natürlich möglichst fundiert sein. Dass es in der Forschung als ein von Menschen betriebener Prozess auch eine gewisse Fehleranfälligkeit geben muss, liegt denke ich auf der Hand. Aber statt dieses eher grundsätzliche Phänomen dafür heranzuziehen, Wissenschaft entweder selektiv oder vollständig abzulehnen, gilt es nun eben mit wissenschaftlichen Methoden herauszufinden, was genau mögliche Probleme (oder ihre Quellen) sind, und wie man zukünftig am besten dagegen vorgehen kann.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin Board Member der Society for the Improvement of Psychological Science (http://improvingpsych.org/), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Forschungspraktiken in der Psychologie nachhaltig zu verbessern. Ob uns das gelingt? Hoffentlich! An Motivation mangelt es jedenfalls nicht. Ich betreibe zudem zwei Websiten, die unmittelbar mit meiner Forschungs zu tun haben: journalreviewer.org ist eine Plattform, auf der Wissenschaftler Erfahrungsberichte über die Peer Review-Prozesse, die sie selbst durchlaufen, anderen zur Verfügung stellen können; flexiblemeasures.com aggregiert und visualisiert Probleme mit Flexibilität in psychologischen Forschungsmethoden. Schließlich betreibe ich noch gemeinsam mit drei anderen Psychologen (Anne Scheel, Ruben Arslan, Julia Rohrer) den Blog the100.ci, den ich allen sehr ans Herz legen möchte.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Da ich relativ gerne esse hat sich irgendwie die Notwendigkeit ergeben, dass ich oft (und gerne) koche. Ich bin zudem sehr brettspielbegeistert. Des weiteren versuche ich mich mehrfach die Woche dazu zu disziplinieren, Abends zum Raketensporttraining zu erscheinen, also am Rechner zu hängen und mit ein paar Freunden Rocket League zu zocken (Fußball mit raketenbetriebenen Autos). Ein weiteres Hobby ist es mir einzureden, dass ich bald wieder anfangen werde, das Klavier zu benutzen, das im Wohnzimmer so viel Platz wegnimmt. Achso, und ich mag Hüte.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Schlafen bis 10. Frühstück bis 12. Rocket League bis 2. Mittagssnack bis 3. Fahrradtour bis 5. Eis (geht immer). Auf dem Balkon rumgammeln (z.B. lesen) bis 7. Kochen & Essen bis 9. Brettspiele bis 2.

Bitte begrüßt Malte ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 4, 2017

Die unbestreitbare Faszination der Sterne - Stefan Gotthold ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, Stefan Gotthold (@ClearSkyBlog, aber auch @gottie29 und @WeRaBot und andere) als neuen Kurator begrüßen zu dürfen! Stefan ist Social-Media-Manager, Blogger, Wissenschaftskommunikator, und Astrofotograf in Selbstständigkeit sowie Pädagogischer Mitarbeiter in der Stiftung Planetarium Berlin. Er leitet den Clear Sky-Blog und ist auch auf quasi allen anderen sozialen Medien vertreten. Sein anderes berufliches Zuhause sind die Berliner Planetarien und Sternwarten der Stiftung Planetarium Berlin (Zeiss-Großplanetarium, Planetarium am Insulaner, Archenholdsternwarte und Wilhelm-Foerster-Sternwarte).


Hier ist Stefan in seinen eigenen Worten:

Eigentlich bin ich nie so richtig in der Wissenschaft gelandet. Ich bin Diplom-Ingenieur für Technische Informatik im Maschinenbau und bin recht schnell nach dem Studium in der Wirtschaft gelandet. Seit dem ich 16 Jahre alt bin, betreibe ich aber das Hobby Astronomie. Hierbei der praktische Teil und führe seit 2009 einen der größten Astronomie-Blogs Deutschlands. Der Clear Sky-Blog ist mein Zugang zur Wissenschaft und was anfänglich nur ein Hobbyprojekt war trieb mich nach und nach in die Wissenschaftsszene und damit auch in die Wissenschaftskommunikation. 
2014 habe ich mich mit diesem Thema auch Selbstständig gemacht und werde hier regelmäßig von Universitäten und anderen #Wisskomm-Einrichtungen gebucht, um dort die Astronomie vorzustellen. Forschung steht hier nicht im Hauptfokus und trotzdem beschäftige ich mich mit den sozialen Netzwerken und probiere hier sehr viel aus. Mich interessieren eben die Fragen nach der Kommunikation im wissenschaftl. Bereich. Mittlerweile Berate ich Institute und verschiedene Einrichtungen im Bereich Social-Media und wie man mittels der Netzwerke Menschen von der Wissenschaft begeistern und informieren kann.
Das brachte mich auch zur Stiftung Planetarium Berlin. 2014 gründete ich mit den damaligen Planetarien und Sternwarten die Lange Nacht der Astronomie in Berlin. Wir wuchsen zusammen und da war der Schritt in die 2016 gegründete Stiftung ein logischer Schritt. Auch hier bleib ich der Wissenschaftskommunikation treu und bin sehr oft in den Planetariumskuppeln unterwegs. Mit Menschen über aktuelle Forschung zu sprechen, macht mir Spaß und mit den Möglichkeiten eines Planetariums und dessen Technik geht das um einiges einfacher.
Der Kontakt zu den Menschen und vor allem zu den Kindern begeistert mich. Astronomie ist die Wissenschaft die alles vereinigen kann. Biologie, Chemie, Physik, Mathe und viele weitere Wissenschaftszweige finden sich in der Astronomie wieder. Kinder und Jugendliche sind schnell zu begeistern und wollen viel darüber Wissen wo wir im Universum leben und wirken. Erwachsene sind da zwar auch wissbegierig, aber zurückhaltender. 
Ich liebe es, unter einem Planetariumssternenhimmel zu stehen und die Menschen auf eine Reise durch den Kosmos mitzunehmen. Wir leben in einer spannenden Zeit und es passiert so vieles dort draussen in den Weiten des Weltalls. Mich interessiert das nun seit 24 Jahren und da gibt es viel zu erzählen. 
Meine Begeisterung steckt an und daher betreue ich das Moderatorenteam der Planetarien und sorge dafür das unsere Moderatoren mit der gleichen Begeisterung den Besuchern dieses faszinierende Thema mitgeben.
In meiner Selbstständigkeit gehe ich raus. Mit dem Teleskop den Sternenhimmel zu erkunden ist noch einmal etwas schöner. Wer in echt mal den Jupiter gesehen hat und die Monde Galileo’s beobachtet, der wird das Bild nie wieder los. 
Natürlich muss in beiden Bereich darauf geachtet werden, die Menschen nicht abzuhängen, sondern Wissen zu vermitteln. Das ist der Arbeitsprozess im Hintergrund. Bildungsprogramme sollten durchdacht sein. Vorträge sollten verständlich sein. Und all das bitte auch auf Augenhöhe. Hier steckt viel Arbeit in meinem Blog (>1000 Artikel) und auch in den Programmen der Planetarien.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Arbeit interessieren?
Das ist einfach zu beantworten. Weil Sie cool ist, weil Sie toll ist und weil Sie den Menschen zeigt wo sich unser Platz im Universum befindet. Der Blick in das große Universum zeigt uns das wir unheimlich klein sind. Viele fühlen sich unbedeutend. Das stimmt aber nicht. Wenn ich mit den Menschen zum Rand des Universums reise, dann zeige ich was wir als Menschen schon herausgefunden haben. Und das ist großartig. Und natürlich gibt es Millionen von ungelösten Fragen. Hier können sich Kinder und Jugendliche noch engagieren und in die Studienfächer gehen. Aber auch anders herum zeige ich den Menschen gern den Blick auf unseren blauen Planeten und wir schändlich wir damit umgehen. Geht von 300 Gästen nur einer aus dem Planetarium und achtet etwas mehr auf seine Umwelt, ist mein Ziel schon erreicht. Lieber wären mir, wenn alle 300 das tun würden, aber das geht glaube ich nicht.

Da mein Hobby, meine Selbstständigkeit und meine Arbeit für die Stiftung so ziemlich alles an Zeit nehmen, fehlt mir hier einfach die Möglichkeit noch anderen Themen nachzugehen. Die Interessen sind hoch und ich bin leicht von neuen Themen zu begeistern. Aber leider hat der Tag nur 24 Stunden.
Natürlich gibt es immer mal die eine oder andere Minute und dort gehe ich dem Teil des Studiums nach, der mich schon immer etwas mehr interessiert hat. Meine kleine Leidenschaft ist das Programmieren. Und da sich das super mit der Wissenschaftskommunikation verbinden lässt, programmiere ich ab und an mal einige Ideen durch. Im Moment habe ich einige Twitter-Bots entwickelt. @WeRaBot ist eines der Projekte bei Twitter. Dort twittert eine Raspberry Pi für mich und natürlich wieder astronomische Themen. Man könnte es als Forschung im Bereich Social-Media werten. Ich will ausprobieren wie sich ein Twitter-Kanal aufbaut, wenn klar ist dass hier ein Bot hinter steckt. Aktuell hat @WeRaBot (Welt-Raum-Bot) schon 282 Follower. Mal schauen wir es in 1-2 Jahren aussieht.

Ich bin in der glücklichen Lage mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Leider leiden Hobbies wie Motorradfahren, Tauchen etc. darunter etwas. Aber das ist OK. Die Astronomie in allen Bereichen füllt mich hier komplett aus.
Mein idealer Tag findet einmal im Jahr statt. Die Lange Nacht der Astronomie #lnda2017 (dieses Jahr am 5. August im Gleisdreieckpark) ist mein idealer Tag. 2.500 Menschen an einem Ort mit dem Interesse für Astronomie. Ich liebe diesen Tag einfach. Er zeigt wie sehr wir den Menschen die Wissenschaft zeigen können und alle kommen freiwillig. Schaue ich in die Gesichter und höre sowohl von Kinder (5 jährige) bis Opa und Oma (96 jährige) das diese das erste Mal den Saturn mit Ringen durchs Teleskop gesehen haben, bin ich glücklich. 

Bitte begrüßt Stefan ganz herzlich bei Real Scientists DE!


Sunday, May 28, 2017

Wissenschaftliche Aufklärung und Tropenmedizin - Laura Zimmermann ist jetzt bei Real Scientists DE!

Bitte heißt mit uns ganz herzlich Laura Isabel Zimmermann (@ZimmWiss) willkommen! Sie ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Ihre Faszination darüber, wie das Leben funktioniert, trieb Laura zunächst zum Biologiestudium und dann in die Tropenmedizin. Ganz besonders freuen wir uns darüber, dass sie in ihrem Alltag mit der Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat - etwas, das uns bei @realsci_DE natürlich generell sehr am Herzen liegt.

Hier ist Laura in ihren eigenen Worten:

Schon während der Schulzeit waren Biologie, Chemie und Mathe meine Lieblingsfächer und wurden somit auch meine Abiturprüfungsfächer. Zudem hatte ich das Glück, dass meine Eltern meine wissenschaftliche Neugier auf vielerlei Weise gefördert haben: Meine Mutter (gelernte Arzthelferin) lehrte mich während der Gartenarbeit alle ihr bekannten Pflanzennamen. Mein Vater (gelernter Elektriker und mittlerweile Regelungstechniker) zeigte mir am Girls‘ Day, aber auch privat, an was er arbeitete. Seine Arbeitsorte sind u.a. Universitäten und Kliniken, in denen er mich in Schalträume und unterirdische Versorgungsysteme führen konnte und mich mit unterschiedlichen Berufsgruppen austauschen ließ (von Zahntechniker bis Poststelle). Zudem machten wir Familienausflüge in Museen & Science Center, wie das Universum in Bremen oder das phaeno in Wolfsburg. Da mir das an Informationen noch nicht reichte, verschlang ich in meiner Freizeit in frühen Jahren die Zeitschrift „GEOlino“ und später „Bild der Wissenschaft“, die meine Mutter für mich und meine Geschwister abonniert hatte. Somit war für mich klar, dass ich was Naturwissenschaftliches studiere, was ich dann durch mein Biologie-Studium in Göttingen und Heidelberg verwirklicht habe.

Meine Stellenbeschreibung als „Referentin für Öffentlichkeitsarbeit“ ist etwas irreführend und veraltet, denn ich kommuniziere für das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg nicht nur mit der Öffentlichkeit, sondern auch ganz viel intern im Institut. Dazu gehört unter anderem ein interner Newsletter, den ich ungefähr monatlich verfasse und der unseren ungefähr 260 Beschäftigten einen Überblick gibt, welche Veränderungen und Neuigkeiten es im Personalbereich, in der Verwaltung und in der Forschung des Instituts gibt. Dazu muss ich mich mit den unterschiedlichsten Menschen abstimmen – von Einkaufsleitung über wissenschaftliche Angestellte bis hin zum Vorstand. Mit all diesen habe ich auch bei meinen anderen Aufgaben zu tun: Vermittlung von Experten-Interviews, Betreuung von Besuchergruppen, Verfassen von Pressemitteilungen, Pflege unserer Website und unseres Intranets. Ganz besonders schätze ich, wie abwechslungsreich sowohl meine Tätigkeiten als auch die Themen sind. Allein die Forschungsthemen des Bernhard Nocht Institutes reichen von Parasiten über Hämorrhagische Fieberviren bis hin zu Insektenkunde.

Die Öffentlichkeit interessiert sich insbesondere immer dann für die Arbeit unseres Instituts, wenn irgendwo auf der Welt eine Seuche ausbricht (z.B. SARS, Ebola oder Zika) oder wenn Menschen Angst haben, dass sie sich in ihrer Heimat oder auf Reisen mit einer tropischen Krankheit (von Gelbfieber bis Malaria) anstecken könnten. Daher ist es wichtig, dass wir die Menschen sachlich und verständlich über die Risiken und Vorbeugung von Infektionskrankheiten aufklären, sowie dass unsere Expertinnen und Experten helfen, Seuchen frühzeitig zu erkennen und einzudämmen.

Ohne Sport könnte ich nicht leben bzw. wäre bei meiner Arbeit nicht leistungsfähig genug. Meine Arbeit fordert mich zwar geistig (psychisch), aber körperlich (physisch) bin ich damit nicht ausgelastet. Zudem verbringe ich die meiste Zeit im Büro und komme durch den Sport viel an die frische Luft. Im Moment favorisiere ich Lindy Hop Tanzen und Lacrosse, da ich mich bei beidem voll darauf konzentrieren muss und somit komplett von der Arbeit frei mache. Aber was ist das denn Beides, fragen sich jetzt bestimmt viele. „Lindy Hop und Lacrosse sind genial und haben viel interessante Geschichten zu bieten!“, sage ich Euch. ;)
Lacrosse ist ein kanadischer Mannschaftsport, bei dem meine Mitspielerinnen und ich uns mit netzbestückten Schlägern einen faustgroßen Hartgummiball in der Luft zu passen und übers Feld laufen, um den Ball am Torwart vorbei im gegnerischen Tor zu platzieren. Mehr dazu erfahrt Ihr zum Beispiel beim Deutschen Lacrosse Verband oder auf Wikipedia. Was mich an diesem Sport so fasziniert, ist, wie schnell und taktisch das Spiel ist. Meine Stammposition ist Verteidigerin (aktuell im Damen B-Team der HTHC Hamburg Warriors), aber ab und zu wechsle ich auch ins Mittelfeld. Aber nicht nur der Sport an sich macht mich stark und glücklich, sondern auch das Miteinander im Team und mit anderen Teams aus ganz Deutschland bis hin zum internationalen Austausch bei Turnieren. Außerdem lebt Lacrosse in Deutschland durch Ehrenamt und ich habe dies genutzt, um mich im Management und in der Kommunikation zu üben.

Lindy Hop ist ein Tanz, der ursprünglich in den 1930er Jahren in den USA beliebt war und seit den späten 1990er Jahren in vielen westeuropäischen Ländern sein Revival feiert. Am meisten gefällt mir bei diesem Hobby, dass es keine festen Tanzpaare gibt, sondern sich sogenannte „Follower“ und „Leader“ (dabei egal, wer männlich und weiblich ist) immer wieder neu zusammen finden. Dieser Tanz zeigt beeindruckend wie gut nonverbale Kommunikation funktionieren kann und wie zwei Menschen Ihren individuellen Stil ausdrücken können, aber gleichzeitig gemeinsam kreativ sind. Und natürlich liebe ich die dazugehörige Musik – Swing bringt einfach gute Laune! ;)

Wie sieht dein idealer freier Tag aus?
Ausschlafen, irgendwo draußen in der Sonne frühstücken (sei es eigener Balkon oder die Terrasse einer Ferienwohnung), was draußen unternehmen (sei es Spazieren gehen, Wandern, Klettern, Baden, Tanzen oder Lacrosse Spielen), sich zwischendurch mit einer Brotzeit stärken, Zeit zum Lesen, Zeichnen oder Fotografieren haben, den Abend mit dem Partner bzw. mit Freunden bei gutem Essen und einem leckeren Indian Pale Ale (IPA) und guter (Live) Musik ausklingen lassen.


Bitte begrüßt Laura ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, May 21, 2017

Mit Placebos gegen den Schmerz - Sandra Kamping ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen euch sehr, euch unsere neue Kuratorin Sandra Kamping (@sakamping) vorstellen zu dürfen! Sandra hat in Münster Psychologie studiert und in Mannheim und Heidelberg in der Schmerzforschung promoviert. Diesem Thema ist sie treu geblieben und erforscht jetzt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wie man die Mechanismen, die der Placeboanalgesie zugrundeliegende, in der Arbeit mit Patienten mit chronischem Schmerz und Patienten mit akutem Schmerz nach einer Operation einsetzen kann.
Alles andere als selbstverständlich für Psychologen in der Forschung: Sandra ist auch ausgebildete Psychotherapeutin und betreut Schmerzpatienten.


Hier ist Sandra in ihren eigenen Worten:


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Eher per Zufall; ich habe nach dem Vordiplom nach einem mit dem Studium vereinbaren Job gesucht und habe in der Uniklinik Münster in der Neurologie eine HiWi Stelle in der Forschung angenommen. Das hat mir dort so viel Spaß gemacht, dass ich in der Wissenschaft geblieben bin.

Ich wollte, nachdem ich ganz viel pharmakologische Forschung in der HiWi Stelle gemacht habe, unbedingt funktionelle Kernspintomographie erlernen. Also habe ich nach einer Stelle gesucht, die das beinhaltet. Damals (ist schon so lang her) gab es noch nicht so viele Doktorandenstellen und vor allem noch nicht so viel mit Kernspin. Ich habe mir mehrere Sachen angeschaut und bin dann schließlich in der Schmerzforschung gelandet und geblieben. Chronischer Schmerz ist ein immens wichtiges Thema; sowohl auf individueller Ebene (die Lebenszeitprävalenz ist z.B. ca. 85% und wir wissen noch nicht wirklich warum der Schmerz für manche chronisch wird und bei manchen wieder nachlässt), als auch auf volkswirtschaftlicher Ebene (Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems liegen immer an der Spritze aller Krankheitsarten, wenn es um Arbeitsunfähigkeit geht). Zu verstehen, welche Mechanismen bei chronischen Schmerzpatienten also verändert sind (z.B. absteigende schmerzhemmende Systeme) ist total wichtig. Im Verlauf bin ich dann zur Placeboforschung "gewechselt", über die ich hier in meiner Woche auch tweeten werde.

Die Placeboforschung ist noch nicht so alt, vor allem die wissenschaftliche Beschäftigung damit. Bisher gibt es sehr, sehr viele Studien an gesunden Probanden, bei denen man den Effekt eines Scheinmedikamentes untersucht. Der Übertrag zu chronischen Schmerzpatienten z.B. ist da sehr schwierig, weil wir ja Patienten erstens nicht anlügen wollen und zweitens ein Placebo keine langfristige Lösung ist (mehr dazu später auf Twitter). Der gesunde Proband und der chronische Schmerzpatient unterscheiden sich auch im Hinblick auf Erfahrung, Erwartung und Hoffnung an/mit der Behandlung ziemlich extrem. Daher ist es schwierig einfach so zu sagen, dass die Effekte, die wir in den Grundlagenstudien sehen, auf Patienten übertragbar sind. In meinem ersten Projekt haben wir uns damit beschäftigt und geschaut, ob und wie Placeboeffekte bei Patienten mit chronischem Rückenschmerz aussehen. Im jetzigen Projekt beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir den psychologischen Effekt von Schmerzmitteln (auch mehr dazu und dem Unterschied zum pharmakologischen Effekt später auf Twitter) verstärken können. Dazu untersuchen wir Patienten nach einer totalen Endoprothese des Kniegelenks (Knie-TEP) im Krankenhaus, um die Wirkung der Schmerzmittel zu verbessern. Sehr spannend :)

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil es super spannend ist und weil sich jeder Mensch die Mechanismen hinter der Placebo-Analgesie (Erwartung und Konditionierung) zunutze machen kann. Mehr davon später :)

Ich arbeite psychotherapeutisch mit Schmerzpatienten. Reise durch die Republik zu Vorträgen zur psychologischen Behandlung von chronischen Schmerzen und zu Placebo.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ehm, zählt dazu die Betreuung von Doktoranden? Das mache ich nämlich in meiner "Freizeit". Ansonsten sind meine Lieblingshobbys schlafen, lesen und stricken :)


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ausschlafen! Dann schön brunchen, da gibt es in Hamburg ganz tolle Ecken mit direktem Blick auf die Elbe; dann an der Elbe zurückspazieren zum Hafen (ist so ein 2 Stunden Marsch). In die Kunsthalle Hamburg, da gibt es immer wieder interessante Ausstellungen und Bilder in der ständigen Ausstellung, in die ich mich verliebt habe. Und dann viel Zeit am Telefon oder Skype mit Freunden verbringen (als Forscher sind die zwangsläufig eher verstreut) und Balkonien genießen.

Bitte begrüßt Sandra ganz herzlich bei Real Scientists DE!


Sunday, May 14, 2017

Wissenschaft unterm Mikroskop - André Lampe ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Freude stellen wir euch unseren neuen Kurator André Lampe (@andereLampe) vor! André hat in Bielefeld Physik studiert und seinen Doktor im Bereich Hochauflösungsmikroskopie an der FU Berlin gemacht. Neben der Mikroskopie hat er sich der Wissenschaftskommunikation verschrieben, moderiert wissenschaftliche Fernsehsendungen und ist ein alter Science-Slam-Hase.
Mehr über Andrés Arbeit erfahrt ihr auf seinem Blog: scienceblogs.de/diekleinendinge/.


Hier ist André in seinen eigenen Worten:


Mir war schon in der Oberstufe klar, dass ich Physik studieren will - und irgendwie bin ich dann immer mehr auch in die Wissenschaftskommunikationsschiene geraten. Jetzt bin ich promoviert und bastel auch privat weiter an Mikroskopen und mein Beruf ist es, über Wissenschaft zu quatschen und mir neue Formate auszudenken - ich finde das großartig.


Ich liebe die Mikroskopie, aber damit beschäftige ich mich nicht mehr in Vollzeit und auch nicht mehr in einem Labor. Die Wissenschaftskommunikation ist mein Job geworden - weil es mir große Freude macht und weil es toll ist immer wieder Einblicke in die faszinierende Welt der Wissenschaft zu geben. Mikroskope sind dabei immer wieder Thema, aber es gibt noch so viel mehr - ich würde mich nicht nur auf diesen Bereich festlegen wollen.

Ich habe schon länger Wissenschaftskommunikation gemacht, bereits als Student hab ich populärwissenschaftliche Vorträge gehalten. Und als ich mitten im Schreiben der Diplomarbeit war, im Februar 2010 hab ich zum ersten mal bei einem Science Slam mitgemacht. Aber ich hab auch in der Wissenschaft eine Leidenschaft entdeckt - die Mikroskopie. In der Diplomarbeit habe ich noch an einem fluoreszenzbasierten Bluttest für Astronauten gearbeitet, ein ESA Projekt, das mit einem Mikroskop ausgelesen wird. Und von da ging es dann weiter mit der Mikroskopie. Zur Diplomarbeit habe ich bereits ein Mikroskop im Labor konstruiert, aber dann ging es richtig los in der Doktorarbeit. Da habe ich angefangen, ein Hochauflösungsmikroskop zu bauen, ein SD-dSTORM, was kurz ist für spectral demixing direct stochastic optical reconstruction microscope.
Blogartikel dazu: http://scienceblogs.de/diekleinendinge/2015/09/08/ich-hab-was-gegen-rauschen/

In der Mikroskopie hält mich vor allem die Möglichkeit, Dinge zu entdecken: Jedes Mal, wenn ich vor einem Mikroskop sitze - und ich tue das jetzt schon über sieben Jahre - kann ich doch immer wieder etwas Neues entdecken. Die Wissenschaftskommunikation lässt mich deswegen nicht los, weil es so viel Faszinierendes in der Wissenschaft, an der Forschungsgrenze oder auch in Uni-Lehrbüchern gibt, das schon 20 Jahre bekannt ist - von dem ganz viele Menschen noch nichts wissen. Diese tollen Dinge zu erzählen, das mag ich sehr gerne. Die Wissenschaft ist so vielschichtig und variantenreich, dass man gar nicht alles erzählen kann. Aber ich möchte gerne in jeden kleinen Spezialbereich mal einen Einblick geben und Gelegenheit bieten, dass jemand davon fasziniert ist - überall gibt es Dinge, die einen wundern und begeistern können, überall liegen spannende Geschichten herum, man muss sie nur anfangen zu erzählen. Deswegen liebe ich meine Arbeit als Wissenschaftskommunikator wirklich sehr.

Für die Mikroskopie interessieren sich sicher sehr viele Leute, ohne dass sie es wissen: Es kommen nämlich ganz wundervolle Bilder dabei heraus, die mich immer wieder aufs Neue faszinieren. Und da man mit der Hochauflösungsmikroskopie noch viel tiefer in die Strukturen des Lebens hineinschauen kann als mit der herkömmlichen Mikroskopie, ist es auch ein toller Ansatzpunkt, immer wieder Geschichten über die kleinen Vorgänge in einer Zelle zu erzählen, die grundlegende dafür verantwortlich sind, dass es so etwas gibt wie Leben. Aber das ist meine Meinung - ich bin ziemlich voreingenommen, falls man das noch nicht gemerkt hat.


Zur Wissenschaftskommunikation gehört aber nicht nur das Sprechen mit und das Schreiben für Laien, sondern auch Dialoge in der Wissenschaft
- zum Beispiel bei interdisziplinären Arbeiten oder auch bei Leuten in einem Feld, die an unterschiedlichen Enden des Feldes forschen. Ich finde es faszinierend, dass man in vielen Forschungsfeldern immer noch nicht über einen regen Austausch mit anderen Disziplinen nachdenkt und ich mag es sehr, dabei zu helfen. Ich habe dazu auch einen Blogartikel geschrieben, weil ich selbst nämlich so war: Ich hab auch nicht verstehen wollen, dass Profis aus anderen Fachbereichen Dinge manchmal anders tun.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Computerspiele! Im Moment vor allem Kerbal Space Program, Mini Metro und FTL. Aber das hat auch irgendwie alles einen Wissenschaftskontext. Ich bastle auch gerne Dinge: neulich hab ich einen Geigerzähler zusammen gelötet, aber das hat auch irgendwie Wissenschaftsbezug. Ich denke mir auch gerne Experimente aus, die mit einfachen Mitteln nachzumachen sind... Tja, irgendwie verschwimmen Hobby und Beruf bei mir sehr.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Bei warmen Temperaturen durch die Stadt laufen, in Cafés Halt machen, gutes Essen, Freunde treffen, und dann irgendwann nach Hause kommen wenn es schon wieder hell wird.

Bitte begrüße André ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, May 7, 2017

Die wunderbare Welt der Makrophagen - Ulrike Träger ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Ulrike Träger (@immunoblogist) vorstellen zu dürfen! Ulrike ist Immunologe mit Leib und Seele. Nach ihrer Doktorarbeit in London, in der sie die immunologischen Veränderungen in einer neurodegenerativen Krankheit untersucht hat, schaut sie sich jetzt als Postdoc am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Makrophagen, die Allesfresser des Immunsystems, genauer an. Wenn nicht im Labor, erklärt sie gerne Immunologie für alle auf ihrem Blog https://immunoblogists.wordpress.com/.


Hier ist Ulrike in ihren eigenen Worten:

Ich wusste wohl schon immer das ich zum Wissenschaftler geboren bin – angeblich habe ich schon mit fünf Jahren meiner Mama verkündet, dass ich mal Krebs heilen werde. Zurückhaltend war ich wohl nie. Näher gekommen bin ich dem Ziel aber noch nicht wirklich. Ich arbeite zwar mittlerweile am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, aber nicht an Krebs: Ich beschäftige mich mit Immunzellen und deren spezifischen Funktionen in verschiedenen Geweben.


Immunologie, also sämtliche Forschung die mit der Abwehr von Pathogenen wie Bakterien und Viren zu tun hat fand ich schon immer spannend. Während meines Biologiestudiums hatte ich dann Gelegenheit mein Wissen zu vertiefen – und habe auch mehrere Forschungsprojekte dahingehend gemacht. Was meine Liebe zu diesem Forschungsgebiet noch weiter verstärkt hat.

Besonders die Vielfalt des Immunsystems hat mich dabei schon immer fasziniert: Ich habe schon an rheumatoider Arthritis gearbeitet, eine Krankheit, bei der das Immunsystem über-aktiv ist und den eigenen Körper angreift; an Immunantworten, die gegen Tumore gerichtet sind, und wie diese reguliert werden; an der Immunkomponente in neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer; oder der Huntington-Krankheit. Momentan bin ich in der Grundlagenforschung und schaue mir an, wie es Makrophagen (die tollsten Immunzellen überhaupt) möglich ist, in jedem Organ andere Funktionen wahrzunehmen. Immunzellen schützen uns nämlich nicht nur vor Infektionen, sie tragen auch wesentlich dazu bei, dass unsere Gewebe sich normal entwickeln und instand gehalten werden.

Die Öffentlichkeit sollte sich nicht nur für meine Forschung interessieren, sondern für alle Forschungsgebiete. Nicht jeder findet Immunologie so spannend wie ich. Das ist vollkommen ok. Es gibt so viele verschiedene Forschungsgebiete - aber nur wer informiert ist, weiß was er selbst spannend findet. Daher sollten alle Forscher mehr tun, um Informationen für die Öffentlichkeit bereit zu stellen. Ich versuche das auf meinem Blog  in dem es (hauptsächlich) um Immunologie geht. Nicht nur um meine Forschung, auch wenn es einen klaren Hang zu Makrophagen gibt, sondern um möglichst alle neuen Entwicklungen in diesem breiten Feld.


PostDoc sein hat seine Vorteile. Mein Favorit ist, dass man vermehrt Verantwortung für Studenten und Azubis übernehmen kann, wenn man will. Ich mach das total gerne. Zum einen hat man Hilfe und die eigenen Projekte laufen schneller - zum anderen macht Ausbilden einfach Spaß. Zu sehen wie eine neue „Generation“ - ich fühl mich eigentlich noch zu jung um dieses Wort zu benutzen - auch Spaß an der Wissenschaft hat und ihnen dabei zu helfen, ein bestimmtes Thema noch besser zu verstehen, ist einfach toll. Dieser Drang, Wissenschaft zu verbreiten, ist wohl auch der Grund, weshalb ich Forschung gerne an ALLE  weitergeben möchte und mich an Wissenschaftskommunikation beteilige.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Laufen und Netflix. Als begeisterter Langstreckenläufer dient Laufen als super Ausgleich. Und danach mit einer Pizza aufs Sofa. :)


Bitte begrüßt Ulrike ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, April 30, 2017

DNA-Origami und künstliche Zellen - Kerstin Göpfrich ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude stellen wir euch unsere neue Kuratorin Kerstin Göpfrich (@KGoepfrich) vor! Kerstin ist studierte Physikerin und faltet gerne: Sie promovierte in Cambridge zum Thema "DNA Origami Nanoporen". Jetzt forscht als Postdoc am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart weiter in der synthetischen Biologie und arbeitet daran, eines Tages künstliche lebende Zellen zu bauen. Über Kerstins verschiedene Projekte erfahrt ihr mehr unter http://kerstin-goepfrich.de/de/wissen-teilen.html.


Hier ist Kerstin in ihren eigenen Worten:

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ehrlich gesagt: Dank ERASMUS! Das ist ein EU-Programm, das Studenten einen Aufenthalt an einer europäischen Gastuniversität ermöglicht. Ich bin damals für ein halbes Jahr aus Erlangen nach Cambridge gegangen, habe dort an einem Forschungsprojekt mitgearbeitet und meinen späteren Doktorvater getroffen. Mir hat das Projekt und die Gruppe einfach so gut gefallen, dass ich unbedingt weiter machen wollte!



Ehrlich gesagt, es gibt ganz ganz viele spannende Themen in der Wissenschaft – da fällt die Entscheidung nicht leicht. Ich finde die Biophysik spannend, weil man neuen Werkzeugen aus der Physik zu neuen Einsichten über die Biologie, über das Leben kommen kann. Was mich dort hält? Die einmalige Chance dabei zu sein, wenn sich die Grenzen menschlichen Wissens ein klein wenig verschieben!



Während meiner Doktorarbeit faltete ich DNA. DNA Origami ist tatsächlich der wissenschaftliche Fachausdruck dafür. Dabei geht es nicht um Genetik oder Erbinformation, sondern um Baukunst in der Nanowelt. Smileys wurden zum Beispiel schon aus DNA gebaut. DNA Origami steht jetzt im Moment an der Schwelle vom Machbarkeitsbeweis hin zu Anwendungen. Was würden Sie denn bauen, wenn Sie einen Baukasten aus einzelnen Molekülen hätten? Ich bin neugierig – lassen Sie es mich wissen unter dem Hashtag #DNABaukasten! Ich selbst baue kleinste Kanäle aus DNA. Sie können Poren in Zellen bilden. 50 % der Medikamente, die wir heute verwenden, greifen an natürlichen Zellporen an. Nun stellen Sie sich vor, wir könnten künstliche Kanäle genau so bauen, wie wir sie brauchen! In meinem Postdoc möchte ich nun nicht nur künstliche Kanäle bauen, sondern ganze künstliche Zellen: Synthetische Biologie. Ich habe aber gerade erst angefangen, deshalb mehr dazu in einer Weile!

Als ich zum ersten Mal von einigen der Dinge gehört habe, mit denen ich jetzt tagtäglich arbeite, ist mir wirklich die Kinnlade runter gefallen – ich konnte es kaum glauben. Vielleicht geht es anderen ja auch so! Einige Aspekte meiner Arbeit stehen in direkter Verbindung mit Technologien, die unsere Gesellschaft verändern werden – zum Beispiel DNA-Sequenzierer. Ich möchte Informationen bereit stellen, damit jeder für sich entscheiden kann, wie sie oder er dazu steht.


Wenn ich gerade nicht im Labor bin, dann versuche ich, die Wissenschaft aus dem Labor heraus zu holen. Egal ob Radio, Fernsehen, Online, Print, Vorträge, TEDx, Workshops oder Unterricht – ich probiere immer gerne was Neues. Ich schreibe zum Beispiel Rezensionen über Wissenschaftsvideos für Spektrum der Wissenschaft, habe mit den Naked Scientists Radiosendungen produziert und bin erst letzte Woche beim Deutschlandfinale von FameLab aufgetreten. Und ich tweete für @TheNanoporeSite. Hier findet ihr ein paar meiner vergangenen und aktuellen Projekte: http://kerstin-goepfrich.de/de/wissen-teilen.html.

Wenn ich nicht gerade DNA falte, dann meinen eigenen Körper: Ich mache sehr gerne Akrobatik. Außerdem gehe ich klettern oder tanzen und bin gerne draußen in der Natur.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Für mich gibt es nicht den einen idealen freien Tag. Immer etwas Neues soll es sein!

Bitte begrüßt Kerstin ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, April 23, 2017

Mit Systembiologie gegen den Krebs - Lorenz Adlung ist jetzt bei Real Scientists DE!


Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Lorenz Adlung (@lorenzadlung) vorzustellen! Lorenz ist Systembiologe und forscht zur Zeit als Doktorand in der Abteilung Systembiologie der Signaltransduktion am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Über die Wissenschaftskommunikation von Lorenz Adlung erfahrt ihr mehr unter https://lorenzadlung.wordpress.com/.


Hier ist Lorenz in seinen eigenen Worten:

Ich habe versucht, meinen unbändigen Wissensdurst bestmöglich zu stillen, bin dabei jedoch kläglich gescheitert. Neugier und Detailversessenheit bilden nach wie vor meinen Antrieb und die Grundlage für meinen ungetrübten Enthusiasmus.  

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Herausforderungen der modernen Biowissenschaften nur mit interdisziplinären Ansätzen bewältigen können. Krebs ist eine allzu komplexe Krankheit, als dass man sie intuitiv verstehen könnte. Deshalb müssen wir uns eines systembiologischen Ansatzes bedienen und mit quantitativen, experimentellen Daten mathematische Modelle kalibrieren, die es uns erlauben, gezielte Krebstherapien zu entwickeln.



 Ich beschäftige mich in der Grundlagenforschung mit regulativen Mechanismen bei zellulären Entscheidungsprozessen. Die Vorläufer-Zellen unserer roten Blutkörperchen sind im Wesentlichen vom Wachstumshormon Epo abhängig. Dieses eine Hormon aktiviert unterschiedliche zelluläre Signalverarbeitungswege, die komplexe Prozesse wie Zellteilung und -reifung steuern. Wenn wir mithilfe mathematischer Modelle besser verstehen, wie diese dynamischen Prozesse reguliert werden, können wir die Blutzellbildung optimieren für Eigenbluttherapien und Transfusionen sowie den Blutkrebs zielgerichtet bekämpfen.

Wir konnten erst kürzlich in einer Veröffentlichung zeigen, dass sich die von uns entwickelten Verfahren direkt im klinischen Kontext anwenden lassen. Durch den systembiologischen Ansatz ist es uns möglich, höchst effizient und verlässlich Vorhersagen über biologische Prozesse zu treffen. Damit legen wir den Grundstein für die personalisierte Medizin der Zukunft, die uns alle etwas angeht.

 
Lorenz' Statement zum March for Science

Ich bin wissenschaftlicher Mentor beim Heidelberger Life-Science Lab am DKFZ. In dieser Rolle betreue ich unterschiedliche Forschungsprojekte von Schülerinnen und Schülern, und ich leite Arbeitsgruppen u.a. zu den Themen Biomathematik, Synthetische Biologie und Englische Literatur.

Ich interessiere mich für alle Aspekte der Wissenschaftskommunikation. Zuvorderst bin ich beim Science Slam aktiv, aber ich biete auch Text- und Schreib-Werkstätten an und suche immer wieder neue Formate, um meine Forschungsergebnisse mitzuteilen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus?
Lesen, spazieren, denken.

Bitte begrüßt Lorenz ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Saturday, April 22, 2017

Für eine faktenbasierte Diskussion über Tierversuche - ein Essay von Lars Dittrich

Wir von Real Scientists DE haben einige Wissenschaftler nach ihrer Meinung über die Rolle der Forschung in der Gesellschaft gefragt. Hier ist der Beitrag von unserem ehemaligen Kurator Lars Dittrich (@dittrich_lars):

Für eine faktenbasierte Diskussion über Tierversuche 
(Lars Dittrich, Pro-Test Deutschland e.V.)


Tierversuche in Forschung und Entwicklung stellen uns vor ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen Tod und Leid der Versuchstiere. Sollten wir sie nicht lieber verschonen? Auf der anderen Seite steht der Nutzen, den wir durch das erlangte Wissen haben. Wissen, das uns gegebenenfalls in der Zukunft ermöglicht, Patienten das Leben oder Tierarten vor dem Aussterben zu retten. Sollen wir die wirklich im Stich lassen? Wir müssen uns als Gesellschaft einigen. Welche Tierversuche sind gewollt, welche nicht? Diese Entscheidung ist alles andere als trivial. Wer sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass Versuch nicht gleich Versuch ist und Nutzen nicht gleich Nutzen. Die Methoden ändern sich ständig, damit auch die mögliche Belastung für die Tiere. Wir brauchen eine andauernde Debatte. 

Was wir stattdessen haben, ist eine Farce. Organisierte Tierversuchsgegner haben sich aus der Diskussion um eine ethische Bewertung lange verabschiedet. Stattdessen fahren sie die gleiche Strategie, wie in den 50ern die Tabakindustrie, später die agendagetriebenen Klimaleugner oder Impfgegner. Sie leugnen die Fakten. Es gäbe gar kein Dilemma. Man könne jederzeit auf Tierversuche verzichten, ohne den geringsten Preis dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil, die Wissenschaft würde dadurch automatisch besser. Wie erklärt man dann, dass die Wissenschaftler geschlossen etwas anderes versichern? Na, ganz einfach, die lügen halt alle. 

Einzelne Wissenschaftler diffamieren, Kompetenz absprechen, Interessenskonflikt unterstellen, das alles ist direkt aus dem Strategiekonzept anderer großer Wissenschaftsleugner übernommen.

In aufwändigen Kampagnen werden einzelne Wissenschaftler angegriffen. So der Bremer Professor Kreiter, der in kostspieligen, überregionalen Zeitungsanzeigen als “eiskalter Experimentator” bezeichnet wurde, der aus reinem Sadismus völlig nutzlose Forschung betreibe. 

In den einschlägigen Flugblättern, Webseiten und Pressemitteilungen werden die Wörter “Wissenschaftler” oder “Forscher” stets in Anführungszeichen gesetzt. Den Wissenschaftlern wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Ihre Arbeit hätte nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert, wird gebetsmühlenartig wiederholt. Wenn man es nur oft genug sagt, muss es ja irgendwann wahr werden. Wirkliche Kompetenz hätte nur man selbst, die Tierrechtsorganisation. Medizingeschichte wird einfach umgeschrieben. Die Insulintherapie für Diabetiker? Völlig unabhängig von Forschung mit Hunden entwickelt worden! Der Nobelpreis im Jahre 1923 folglich zu Unrecht vergeben. Die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung von Parkinson? Völlig unabhängig von Forschung in Affen entwickelt! Dass Dr. Benabid, der Arzt, der damit erstmalig Patienten erfolgreich behandelte, sagt, dass seine Methode auf der Forschung eines Kollegen mit Affen aufbaut, kann dann ja nur daran liegen, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Oder lügt. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Wer “Tierversuche” googelt, findet solche Abhandlungen gleich unter den ersten Treffern.

Je radikaler die “alternative” Version der Wirklichkeit von der offiziellen abweicht, desto bereitwilliger scheint sie aufgenommen zu werden. Wie sehr das fruchtet, merke ich regelmäßig in Diskussionen. Kaum eine Kommentarspalte zum Thema, in der nicht mindestens einmal der Ausspruch zitiert wird: “es gibt nur zwei Gründe, Tierversuche zu befürworten, man weiß zu wenig darüber, oder man verdient daran” (Hartinger). Ein anderer Evergreen: “Wer nicht zögert, Tierversuche zu machen, wird auch nicht zögern, darüber zu lügen” (Shaw). Der schnelle Ausweg aus der kognitiven Dissonanz: Informationen, die nicht zu meiner Meinung passen, müssen unwahr sein. Die Wirklichkeit wird verbogen, bis kein Dilemma mehr existiert, bis es nur noch eindeutig richtig und eindeutig falsch gibt. Dass in dieser Version Heerscharen unabhängiger Forscher weltweit lügen müssten, während Tierrechtsorganisationen mit eindeutiger Interessenslage die einzigen wären, die die Faktenlage richtig erfassen und wissenschaftlich einordnen könnten, müsste eigentlich bei jedem für einen vollen Ausschlag des Bullshit-Detektors reichen. Tut es aber nicht. 

Das mag daran liegen, dass die Texte der Tierrechtsorganisationen zum Teil sehr geschickt geschrieben sind. Durch die altbekannten Methoden des Cherrypicking, dem gezielten Auslassen eines ganzen Bergs an wichtigen Informationen, und der verzerrten Darstellung von Halbwahrheiten, lässt sich eine fundiert klingende Version der Wirklichkeit schreiben, die den Autoren wie durch Zufall genau in den Kram passt. Mit Quellenangaben und allem.

Aber wenn Tierversuche so nutzlos sind, warum werden sie dann durchgeführt? Na, aus Geldgier, natürlich! Es wird nach Herzenslust von einer “Tierversuchsindustrie” fabuliert, die so mächtig sei, dass sie die besseren tierfreien Alternativmethoden unterdrücke. Unabhängige Forscher könnten angeblich nur dicke Förderungen absahnen, wenn sie Tierversuche machten. Erfolgreiche Karrieren von Grundlagenforschern, die ausschließlich an Menschen, mit Computersimulationen, oder Hefezellen arbeiten, bringen die gefühlte Wahrheit dieser Vorstellung nicht ins wanken. Außerdem scheffele big Pharma Unsummen mit unnötigen Tierversuchen. Moment, Pharmaunternehmen verdienen dadurch, dass sie etwas machen, das viel Geld kostet, aber keinerlei Nutzen hat? Eine weitere Steilvorlage für jeden inneren Bullshit-Detektor. Aber die Kombination von big Pharma und Raffgier scheint heutzutage schon für Glaubwürdigkeit auszureichen, egal wie abenteuerlich die Anschuldigung.

Doch bei allen Parallelen zu anderen Fällen systematischer Faktenleugnung gibt es bei der Tierversuchsdiskussion einen wichtigen, großen Unterschied. Den eklatanten Mangel an Widerspruch. Bei den Themen Impfen oder Klimawandel gibt es klare, laute Stellungnahmen, von den größten internationalen und nationalen Wissenschaftsorganisationen bis zu den einzelnen Wissenschaftlern, die sich in Interviews, Blogs und Kommentarspalten um Richtigstellung bemühen. Wir sehen, dass das bei weitem nicht ausreicht - große Teile der Gesellschaft misstrauen der wissenschaftlichen Darstellung der Lage. Beim Thema Tierversuche haben wir aber nicht einmal das. Mit denen möchte niemand assoziiert werden. Kaum einer, der Tierversuche macht oder auf Daten daraus zurückgreift, erklärt sich der Öffentlichkeit. Ein Grund mag sein, dass es sich lediglich um eine Gruppe von Methoden handelt, Mittel zum Zweck. Bei Klima oder Medizin geht es um Ergebnisse, um Erkenntnisse, die in langer, mühsamer Arbeit der Natur abgerungen wurden. Wenn das jemand leugnet, etwa behauptet es gäbe kein HIV oder Masernviren, leugnet er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, den Kern dessen, wofür wir unser Leben lang arbeiten. Bei einer Tier-basierten Methode ist das anders. Gäbe es da eine tierfreie Alternative mit höherer Aussagekraft, würde sie im Handumdrehen Einzug in die Labore halten und den entsprechenden Tierversuch verdrängen, selbst wenn das nicht bereits gesetzlich so vorgeschrieben wäre. Wie schnell so etwas geht, kann man an den Beispielen der neuen Methoden Optogenetik oder CRISPR sehen, die in wenigen Jahren weltweit neuer Standard geworden sind. Wer will schon für Tierversuche einstehen, wenn es jedem recht wäre, wenn sie überflüssig würden? Der Knackpunkt ist, dass sie es eben noch nicht sind und auf absehbare Zeit nicht sein werden.

Ich möchte in aller Deutlichkeit klarmachen, was hier auf dem Spiel steht. Tierversuche sind essentiell für die biomedizinische Forschung. Auf sie verzichten, bevor wir sie gleichwertig ersetzen können, bedeutet, Erkenntnisse zu verzögern und damit all jene im Stich lassen, die von ihnen bis dahin profitiert hätten. Zum Beispiel Schwerkranke. Aber es geht um noch mehr. Die Angriffe auf Forschung mit Tieren sind zu einem beträchtlichen Teil Angriffe auf Grundlagenforschung im allgemeinen. Es wird polemisiert, Tiere müssten sterben, damit Forscher (selbstverständlich in Anführungszeichen) ihre Neugier befriedigen könnten. Einzelne Projekte aus der Grundlagenforschung werden willkürlich herausgepickt und als Beispiele eindeutig nutzloser Forschung beschimpft, als “Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Experimentatoren”. Einzelne Projekte, kleinste Puzzlestücke eines langen Erkenntnisprozesses, aus dem Zusammenhang reißen um eine offensichtliche Nutzlosigkeit unterstellen zu können, ist ein schmutziger Trick, ein cheap shot gegen die Wissenschaft, mit dem auch amerikanische rechtsaußen Politiker regelmäßig Forschungsförderung als Geldverschwendung darstellen.

Die Tierversuchsdiskussion, die wir heute haben, ist ein weitgehend unwidersprochener Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern, der Validität von Evidenz und das Konzept der Grundlagenforschung. Wir sehen in anderen Bereichen, wie schwierig es sein kann, Wissenschaft gegen solche Angriffe zu verteidigen. Eine Verteidigung ganz sein zu lassen und der Demontage einer der größten Errungenschaften unserer Zivilisation tatenlos zuzusehen ist Wahnsinn. Es ist unverantwortlich im höchsten Maße. 

Seit kurzem gibt es die Initiative Tierversuche Verstehen, die mit der Legitimation aller großen deutschen Wissenschaftsverbände endlich versucht, dem etwas entgegen zu setzen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. In Zeiten der Google-Suche ist das nur ein einzelner Treffer, eine einzelne Stimme im Morast der Fehlinformationen. Der offizielle Rückhalt von Wissenschaftsvereinigungen fällt für den normalen Internetnutzer nicht ins Gewicht. Was wir brauchen, ist Vielstimmigkeit. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass jedes Institut, das mit Tieren forscht, eine Erklärung zu Tierversuchen gut sichtbar auf seiner Homepage platziert. Es muss der Normalfall sein, dass Journalisten eingeladen werden, die Versuchstierhaltung zu besichtigen. Wir müssen transparent mit der ethischen Abwägung umgehen, die wir vornehmen. Was genau muten wir welchen Tieren zu und welchen Grund haben wir, uns davon welchen Nutzen zu versprechen? Diese Abwägung nehmen wir im Auftrag der Öffentlichkeit vor. Es ist unsere Verpflichtung, der Öffentlichkeit diese Informationen zugänglich zu machen.

Aber auch das reicht nicht aus. Wir brauchen die Stimmen der einzelnen Wissenschaftler. Wir sind diejenigen, die Tierversuche verantworten. Wir sind Menschen mit individuellen Beweggründen, kein gesichtsloses Institut. Unsere Beweggründe, unsere Gesichter und unsere Stimmen braucht es in den Blogs, Kommentarspalten und Gesprächen.

Was wir dabei in jedem Beitrag beherzigen sollten, ist die klare Trennung von Meinungen und Fakten. Ein Wissenschaftler, der der Versuchung erliegt, seine Meinung als einzig mögliche Schlussfolgerung, als von den Fakten vorgegebene Konsequenz darzustellen, verfehlt seinen Auftrag. Das gilt im übrigen nicht nur für dieses Thema, sondern auch für alle anderen, bei denen Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen kann. “Wir brauchen Tierversuche” ist kein Fakt. “Wir brauchen Tierversuche, um bestimmte wissenschaftliche Fragen beantworten zu können” ist ein Fakt. “Die Beantwortung dieser Fragen ist so wichtig, dass Tierversuche dafür nicht nur gerechtfertigt, sondern ethisch geboten sind“ ist eine Meinung. Es ist meine Meinung.

Diskutieren wir über Tierversuche! Nicht nur beim Science March. Respektieren wir, dass Menschen völlig andere Meinungen zum Thema haben können! Aber nur wenn Meinungen auf Fakten basieren, können wir uns sinnvoll über sie austauschen.

Meinungsbildung in einer komplexen Welt - ein Essay von Anne Scheel

Wir von Real Scientists DE haben einige Wissenschaftler nach ihrer Meinung über die Rolle der Forschung in der Gesellschaft gefragt. Hier ist der Beitrag von Anne Scheel (@annemscheel), die unseren Account bereits für eine Woche als Kuratorin geleitet hat:


Meinungsbildung in einer komplexen Welt
 
"BILD Dir Deine Meinung!" Ein Spruch mit einer steilen Karriere. Und mit interessantem Inhalt: Einerseits fordert er zur Meinungsbildung auf, einem Prozess also, indem idealerweise verschiedene Informationsquellen berücksichtigt und gewichtet werden. Andererseits vermittelt er die Botschaft, das Endprodukt dieser Meinungsbildung (die Meinung also) könne direkt aus der BILD-Zeitung übernommen werden -- einer Zeitung, die regelmäßig wegen einseitiger, irreführender oder schlicht falscher Berichterstattung in der Kritik steht. Die Werbung verspricht also eine Arbeitserleichterung: Meinung in verzehrfertiger Form für nur 0,90 €, kein zusätzliches Nachdenken und kein anstrengender Meinungsvergleich nötig.

Wir machen uns leicht lustig beim Gedanken, dass Menschen tatsächlich unreflektiert Inhalte der BILD-Zeitung übernehmen könnten. Aber: was ist mit dem unreflektierten Übernehmen von Inhalten der Süddeutschen Zeitung? Der Tagesschau? Aus einem wissenschaftlichen Fachmagazin? Aus einer Vorlesung im Studium? Vom Hausarzt? Natürlich sind diese Quellen nicht einfach miteinander gleichzusetzen (oder auch nur vergleichbar). Aber es ist nicht schwer, ein Beispiel für eine Situation zu finden, in der uns mal eine einzige Quelle für den Abschluss der Meinungsbildung genügte. Darüber möchte ich heute sprechen: wie wir zu unserem Wissen und zu unseren Meinungen gelangen.

Wir machen einen Exkurs in die USA Mitte des letzten Jahrhunderts. William Perry, Entwicklungspsychologe in Harvard, erforschte in den 1950er und 60ern den Wissenserwerb junger Harvard-Studenten. Die Studenten wurden in den vier Jahren ihres Grundstudiums in regelmäßigen Abständen zu ihren Überzeugungen über den Zugang zu Wissen befragt. Perry beobachtete, dass verschiedene Kohorten von Studenten immer wieder einen ähnlichen Entwicklungsverlauf in ihren Ansichten zeigten.

Erstsemester berichteten meist ein dualistisches Bild von Wissen, Wahrheit und Moral: Es gibt absolute Wahrheit; richtig und falsch, gut und böse. Und der Professor weiß, was wahr ist. Oder - eine schon etwas weiter entwickelte Ansicht - er liegt auch mal falsch, aber es gibt jemand anderes, der die Wahrheit kennt. Auf dieser Stufe wird Wissen einfach von Autoritäten übernommen.
Wenn Perrys Studenten ihre Obrigkeitshörigkeit überwunden hatten, schlug diese Ansicht in ihr Gegenteil um: Alles ist relativ. Die Ansicht des Professors ist nur eine von vielen. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, und jede Meinung ist gleich viel wert. Diese Multiplizität bedeutet, dass objektive Entscheidungen letztlich gar nicht möglich sind.
Gegen Ende ihres Grundstudiums schließlich zeigten die Studenten eine Integration dieser extremen Ansichten: Zwar gibt es verschiedene subjektive Meinungen, aber wir können uns innerhalb eines Systems auf objektive Kriterien einigen und unterschiedliche Positionen daran messen und beurteilen. Damit sind manche Meinungen gültiger als andere. Wissen und Moral haben immer noch eine gewisse Relativität, aber wir können Maßstäbe entwickeln und anlegen, um uns in dieser Relativität zurechtzufinden und sinnvolle Entscheidungen zu treffen, die nicht völlig subjektiv sind.


Tab. 1 Perrys Schema. Tabelle übersetzt von https://en.wikipedia.org/wiki/William_G._Perry

Auf Basis dieser drei Phasen - Dualismus, Multiplizität, kontextabhängiger Relativismus - entwickelte Perry ein neunstufiges Modell, das als "Perrys Schema" bekannt ist (Tab. 1).
Perry betonte in seinen Arbeiten, dass dieser Entwicklungszyklus als wiederkehrendes Element unseres Erkenntnisgewinns anzusehen sei. Seiner Ansicht nach bewegen wir uns zeitlebens immer wieder durch diese Phasen und können uns in verschiedenen Wissensbereichen auch gleichzeitig auf unterschiedlichen Stufen befinden.

Den Übergang von der ersten in die zweite Phase bezeichnete Perry auch als die "Vertreibung aus dem Paradies". Es liegt etwas Beruhigendes in der Ansicht, dass absolute Wahrheit und absolute Moral existieren und es eine Person gibt, von der man sie erfahren kann. Die Einsicht, dass die Welt weit komplizierter ist, kann große Verunsicherung auslösen. War es nicht viel gemütlicher im schwarz-weißen Dualismus? Wie soll ich mich jetzt zurechtfinden? Das Herausarbeiten eigener Standards und Werte, die aus der "alles ist relativ"-Sichtweise schließlich zur letzten Phase von Perrys Schema führen, ist harte Arbeit. Und sie ist nie endgültig abgeschlossen.

Zurück zur Meinungsbildung durch deutsche Tageszeitungen. Der Aufruhr, den im vergangenen Jahr die Entdeckung von "fake news" auslöste, hat mich sehr an die Vertreibung aus dem Paradies erinnert. Wie bitte, wir können nicht mehr glauben, was in der Zeitung steht? Wie soll man da noch unterscheiden können? Kann man eigentlich noch irgendetwas glauben? Mancherorts war die Verunsicherung so groß, dass man erklärte, man habe "die Nase voll von Experten". Der perfekte Übergang zum Multiplizismus: Wenn ich mich nicht mehr auf die Quelle verlassen kann, der ich bisher blind vertraut habe, glaube ich jetzt niemandem mehr. Alle Quellen sind gleich unzuverlässig. Ich halte mich nur noch an mich selbst.

Als Wissenschaftlerin zähle ich vielleicht zu einem gewissen Grad als "Expertin" (der Teil von mir, der im Forschungsalltag die meiste Zeit das Gefühl hat, gar nichts zu kapieren, wehrt sich vehement gegen dieses Label, während der Teil, der schon ganze zwei Zeitungsinterviews gegeben hat, ihm beruhigend zuflüstert, dass Wissen relativ ist). Deshalb hat mich der Eindruck, dass die Öffentlichkeit -- manche Teile der Öffentlichkeit zu bestimmten Zeitpunkten -- Experten ihre Wertschätzung entzieht, sehr beunruhigt. Denn natürlich weiß ich, dass Experten die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen haben und nicht automatisch Bescheid wissen (siehe Forschungsalltag-Anne), aber wir haben doch auch keine bessere Wissensquelle als die Menschen, die sich mit einem Thema am besten auskennen.

Aber als ich Perrys Schema kennenlernte, bekam ich eine etwas andere Perspektive. Im Rahmen dieses Modells sieht die Abkehr von Experten auf einmal nicht mehr wie ein Rückschritt aus, sondern wie ein Fortschritt: Wir haben uns von Phase 1 nach Phase 2 weiterentwickelt! Wenn wir jetzt am Ball bleiben, könnten wir es in Phase 3 schaffen: Dann würde die Meinung von Experten nicht als absolut und endgültig angesehen, aber etwa als höherwertig als die von manchem Kolumnisten. Vielleicht haben wir das ja heimlich, still und leise schon geschafft?
Die Antwort darauf ist natürlich gleichzeitig ja und nein. Es gibt nicht "die Öffentlichkeit", und selbst wenn Perrys Schema eine in allen Details zutreffende Beschreibung der Entwicklung wäre, würde man in verschiedenen Gruppen und in Bezug auf verschiedene Themen ein großes Chaos unterschiedlicher Stufen des Modells vorfinden -- vielleicht Stufe 1 beim Thema Krebstherapien, Stufe 2 in der Griechenland-Krise, Stufe 3 im Diät-Dschungel?

Herauszufinden, wo genau wir stehen, ist nicht der Punkt. Mein Anliegen ist die Entwicklung an sich: Wir sind ständig in Bewegung. Die Welt ist verflucht kompliziert und Meinungsbildung ist eine ziemlich anstrengende Angelegenheit. Die eine Autorität, die uns sagen kann, wo es lang geht, existiert nicht. Aber das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, denn es gibt trotzdem bessere und schlechtere Informationen. Diese Unterscheidung kann sehr schwierig und in manchen Gebieten unmöglich sein -- da brauchen wir wieder die Experten: Nicht nur, um uns Fakten zu liefern, sondern auch um uns beizubringen, wie wir bessere von schlechteren Informationen unterscheiden können.

Wissenschaft ist im Grunde nichts anderes als dieser Prozess: Um in der Klimaforschung oder der Quantenphysik oder der Psychotherapie zu einem Konsens zu gelangen, müssen wir die Arbeit vieler Wissenschaftler zusammentragen und nach ihrer Aussagekraft gewichten. Und nichts davon steht für die Ewigkeit; neue Informationen führen zu neuen Bewertungen. Auch Wissenschaftler befinden sich manchmal in Stufe 1 von Perrys Schema! Manchmal tun wir Dinge nur deshalb, weil die Wissenschaftler vor uns sie auch so gemacht haben. Manchmal ist das, was der Doktorvater sagt, zwangsläufig wahr. Manchmal führen neue Informationen dazu, dass unser Weltbild zusammenbricht und wir uns für einen Moment nicht mehr zurecht finden in unserem Fachgebiet, weil alles relativ erscheint. Aber immer muss unser Ziel sein, in all der Unsicherheit mit dem bestmöglichen Leitfaden, den wir gerade zur Hand haben, Entscheidungen zu treffen.

Wissenschaftler haben nicht immer Recht, aber Wissenschaft ist die unendliche Reise zum Zusammenfügen der besten verfügbaren Informationen. Als Forscher, als Laien, als Zeitungsleser, als Studenten, als Patienten, als Fernsehzuschauer können wir die Herausforderung annehmen, uns unsere Meinung zu bilden. Das erfordert Energie, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Quellen, Neugier, und die Erkenntnis, dass man niemals fertig wird mit diesem Unterfangen. Aber vielleicht ist das auch eine Erleichterung: Es ist okay, verwirrt zu sein. Solange wir die Bildung in "Meinungsbildung" nie aufgeben.